Interview Anfrage für´s Fernsehen…

…Tja. Ich hatte in den letzten Tagen eine Interview Anfrage von einer Fernseh-Produktionsfirma für ein Dokumentationsformat auf einem bekannten (großen) Fernsehsender bekommen. Ich war erstmal sehr erstaunt darüber und gleichzeitig sehr unsicher. Im Endeffekt habe ich heute eine Email geschrieben das ich dieses Interview nicht möchte. Warum? Das möchte ich hier ein wenig erklären….:

Bin ich „Medien-Geil“? Ja, ich denke schon. Ich stand öfters in der Zeitung, war einige male im Radio, war mal akkreditiert für das Big Brother Spektakel (2. Staffel, lang lang ist´s her und auch eine etwas lange Geschichte) in Köln-Hürth, habe auf großen Bühnen gestanden und Musik gemacht und es konnte nie genug Publikum da sein. Ich wurde gerne als Künstler angesehen und habe auch gerne Autogramme (ja, ernsthaft!) verteilt. Also ja: Ich bin für sowas zu haben.

Warum habe ich dann jetzt „Nein“ gesagt?

Es ist was ganz anderes. Adipositas ist immer noch (und das wird es auch immer bleiben) ein heikles Thema. Ich „war“ ja nicht „nur“ Fett, sondern es steckte viel mehr dahinter. Es ist eine Krankheit, egal ob Psychisch oder Körperlich. Es ist vollkommen egal. Krankheit bleibt Krankheit. Was ich aber auch als Krankheit empfinde, sind so Fernsehformate wie „Biggest Loser“ oder so ein Schrott. Hier werden „Dicke“ zur Schau gestellt. Und dieses Format vermittelt den glücklichen Normalgewichtigen: „Fette können abnehmen. Mit Sport und Diäten.“. Meines Erachtens (und das von vielen Wissenschaftlern) ist das es im großen und ganzen Quatsch ist und nicht so einfach geht. Ist es nicht schön Leute im Fernsehen zu beobachten die vor laufender Kamera verzweifeln und zusammenbrechen? Ist es nicht toll Menschen zu sehen die Fett sind, schwitzen und deren fette Plauze bei jeder zweiten Bewegung unterm T-Shirt hervorsticht? Macht es nicht Spaß anderen beim scheitern zuzusehen? Denn eins ist klar: Vom eigenen Scheitern abgelenkt zu werden macht mehr Spaß als sich selbst dabei zu zu sehen… Aber was hat das Ganze jetzt mit meiner Absage zu tun? Dafür sollte ich vielleicht kurz etwas zu der Anfrage und zu dem Format schreiben. Es handelte sich um eine Art Dokumentation über Menschen die etwas besonderes erlebt haben. Leute die ihr Schicksal erzählen wollen. Einige Szenen werden dann von Schauspielern nachgestellt, ansonsten wird das eigene Material (Foto´s, Video´s etc.) mit eingebunden. Das fertige Produkt wird dann auf einem Fernsehsender ausgestrahlt, der bei vielen als „nicht-so-seriös“ angesehen wird. Also nix öffentlich Rechtliches, sondern ein Privater. So weit, so gut. Auch erstmal garnicht schlimm. Ich habe ein Test-Video zugesendet bekommen mit einer Folge der Sendung die bereits so ausgestrahlt wurde. Dieses Format scheint es auch schon einige Jahre lang zu geben. Es sah auch sehr seriös aus. Natürlich ein wenig hier und da überspitzt, aber nun gut, dass gehört zu so einer Sendung dazu. Einschaltquoten erreicht man bekanntlich nicht mit langweilig erzählten Stories.

Ich habe mir einige Tage Zeit gelassen darüber nachzudenken und wollte auch nicht großartig beeinflusst werden. Ich habe es zwar einigen Freunden erzählt, aber nicht wirklich darüber diskutiert. Ich habe mir selbst die Frage gestellt ob ich es will und wenn ja: Warum ? und wenn nein: Warum ?.

Einerseits bin ich, wie oben erwähnt, Mediengeil. Andererseits handelt es sich hier um ein Thema was seriös und ernsthaft zu betrachten und zu hinterfragen ist. Was habe ich „großes“ erreicht das ich dafür ins Fernsehen sollte? Die einfache Antwort: „Nichts.“. Ich habe mich aufgrund einer Krankheit operieren lassen. Durch diese OP habe ich Gewicht verloren. Nicht durch „eisernen Willen“ und auch nicht durch irgendeinen Hokuspokus. Na klar, ist es nicht „nur“ ein bisschen operieren und dann ist gut. Es ist ein fortwährender, langer Prozess der mir mal Gefällt und mich teilweise nervt. Aber durch diesen restriktiven Eingriff in meinen Körper habe ich gar keine andere Chance mehr, als mich mit dem Thema extrem auseinander zu setzen. Bei einer Diät hätte (und das habe ich auch sehr oft) ich immer die Gelegenheit einen Rückzug zu machen und in alte Muster zu verfallen. Das habe ich jetzt nicht mehr. Das ist auch das was das Ganze kompliziert macht. Was das Ganze Super und Scheisse macht!

Super ist es weil meine Gesundheit einen Riesen Sprung in Richtung: Gesund gemacht hat. Scheisse ist es aber trotzdem wenn man Essen geht und nach einer Suppe satt ist, obwohl das Kleinhirn sagt: „Ess Steak! Du willst Steak! Und zwar 600gr. T-Bone!!“. Hörst Du dann auf Dein Hirn, sagt Dein Bypass Dir aber folgendes: „Geh zur Keramik, wenn nicht dann Kotze ich eben hier! Und zwar sofort! HAHAHAHAHAHA!!!“ (ungefähr so).

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten aus dessen der Zuschauer nach dieser Doku auswählen könnte:

  1. „Aha! Ich hab ja 15kg Übergewicht! Diäten gehen mir aufm Sack. Also: Dann lass ich mich halt operieren.“ – Ganz blöde. Somit wird eine Lebensrettende bariatrische OP zur Schönheits-OP umgemünzt. Ne, will ich nicht!!!
  2. „Der muß aber auf vieles Achten! Vitamine nehmen, alle 3 Monate Spritzen für B12, Magnesium, Calcium, Eisen… Proteine, Sport… Puhhh! Da kann ich meine 80kg Übergewicht nicht von Überzeugen. Dann bleibe ich lieber so wie ich bin!“ – Genauso blöde, denn hier gebe es die Chance das eigene Leben zu erhalten und zu verbessern…

Hier in meinem kleinen Blog und mit meinen paar Videos die ich alle Nase lang mal aktualisiere, mit den paar Zugriffen im Monat bin ich mehr als zufrieden. Hier kann ich UNGESCHNITTEN alles Erzählen was ich als wichtig Empfinde. Ich verliere ich nicht mein Gesicht. Hier bin ich Sascha. Das ist mir wichtig! Das ist mein kleines Lebenswerk, wo ich entscheide was damit passiert. Hier mache ich mich so zum Affen oder zum Prediger wie ich es meine. Bei dem Interview hätte ich KEIN Mitspracherecht über das geschnittene Material gehabt. Das gleicht einer Zensur. Da mache ich nicht mit.

Wenn ich es wirklich schaffen sollte den Marathon zu laufen, dann ist es was anderes. Dann habe ich ein Ziel erreicht, was man auch gerne Medial ausnutzen darf. Da darf ich mich als Held feiern lassen um mir selbst auf die Schulter zu klopfen und meinen eigenen Bauch zu pinseln.

Mein Ziel ist es anderen Adipositas-Kranken Menschen meinen Weg aufzuzeigen. Ohne das ich denke das es für jeden der richtige Weg ist. Ich möchte ein wenig Mut machen und etwas Trost spenden. Ich möchte allen Betroffenen einfach nur sagen: „Du bist nicht alleine!“ und zeigen wie ich mein Problem bewältigt habe. Aber ob ich es bewältige? Das ist noch ein weiter Weg, Gewichtsabnahme hin- oder her.

Aber eins habe ich gelernt: Ich kann auch Nein sagen wenn mir was nicht zu 100% passt und ich muß nicht alles mitmachen, was andere als „Cool“ empfinden.

In diesem Sinne!

Euer

Sascha.